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Killerspiele. Reloaded.

Vor ziemlich genau einem Jahr schrieb ich einen Beitrag über die bösen Killerspiele. Damals ging es um die Bekräftigung, dass das im Koalitionsvertrag geplante Verbot ernst gemeint sei. Jetzt läuft ein ehemaliger Schüler Amok und einige Politiker ziehen das “Killerspiel-Verbot” aus dem Ärmel. Anscheinend das Patent-Rezept. Böse Spiele Verbieten = Jugend vor Gewalt schützen.

Lassen wir mal offen, ob die Ausbildung breiter Massen von jungen Männern bei der Bundeswehr vollkommen fern jeglicher Gewalt ist. Oder ob nicht auch (beispielsweise) Schützenvereine ähnlich wie die Computer-Spiele zu gewaltsamen Aktionen führen.

Ignorieren wir ebenfalls, dass es Amok laufenden Menschen ja offenbar gelingt, verbotene Waffen zu kaufen und stellen also nicht die Frage, warum es schwieriger sein sollte, ein Verbot für Spiele zu umgehen.

Vielmehr stelle ich die (vielleicht rein rhetorische?) Frage, warum manch Politiker nur mit Verbotsforderungen auf aktuelle Ereignisse zu reagieren vermag. Ist es nicht so, dass tausende von Jugendlichen solche Spiele spielen, ohne danach deswegen wild um sich schießend in ihre Schulen zu gehen? Könnte es nicht vielmehr sein, dass andere Faktoren ein viel größeres Gewicht haben? Oder dass es eben mehrerer Faktoren bedarf (und das vielleicht in einer besonderen Konstellation), damit ein Mensch so reagiert?

Da sind vielleicht Mitschüler, die einen Schwächeren ständig schikanieren. Oder Lehrer, die sich nicht dagegen einsetzen. Oder Eltern, die nicht merken, dass das eigene Kind sich ein Paralleluniversum im Computer zusammen bastelt. Oder ist das nicht eine allzu einfache Suche nach dem Schuldigen, die einfach nicht funktionieren kann? Weil es (leider) immer einen Schwachen gibt, den die vermeintlich Starken terrorisieren? Weil Lehrer von überladenen Schulklassen nicht die Chance haben, so weit zu jedem Schüler vorzudringen? Weil Eltern oftmals nicht die nötige Medienkompetenz haben?

A propos “Paralleluniversum Computer“… gibt es solche Parallelwelten, solch virtuelle Verstecke wirklich erst, seit Computer in die Kinderzimmer Einzug erhielten? Ist es brutaler, wenn das Gemetzel auf dem Bildschirm visualisiert wird, oder wenn das – ob nun beim Spiel mit den Plastiksoldaten oder bei “Cowboy und Indianer” im nahe gelegenen Wald – in der Phantasie des Kindes ausgemalt wird?

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Verbotsforderungen hier primär auf die Stammtische zielen. Verbote lösen keine Probleme. Verbote werden umgangen. Verbote helfen niemandem, der sich offenbar aus ziemlich umfassender Perspektivlosigkeit für eine solche Tat wie der in Emsdetten entscheidet. Prävention sieht anders aus.

3 Kommentare zu “Killerspiele. Reloaded.”

  1. Tim sagt:

    Das ist doch eine beliebte Strategie im politischen Raum: Man definiert das Problem einfach so um, dass man handeln kann – denn das eigentliche Problem ist nicht so einfach lösbar und kommunizierbar. Schließlich erwartet der Wähler vom Politiker Handeln und nicht Hilfslosigkeit.
    Vom aktuellen Amokläufer gibt es ja einen Abschiedsbrief, den Telepolis veröffentlicht hat. Er bestätigt letztlich das, was der aufmerksame Beobachter unserer Gesellschaft auch so schon weiß: Es gibt Menschen, die sich in dieser Gesellschaft nicht mehr gebraucht fühlen und die sich von der offiziellen Leistungsmoral und dem Konsumismus unserer Gesellschaft nicht angesprochen fühlen bzw. diese als Etikettenschwindel wahrnehmen. Letztlich wird damit die – altmodisch gesprochen – Systemfrage gestellt. Klar, dass die Politik (und die Pädagogen) ihre Hilflosigkeit durch Problemverschiebung kaschieren zu suchen. Bei dem gesellschaftlich immer virulenter werdenden Problem der Arbeitslosigkeit wird ja auch eine ähnlich gelagerte Problemverschiebung vorgenommen: Was ein gesellschaftliches Problem ist (zu wenig Arbeitsplätze) wird zu einem individuellen (Du musst dich mehr anstrengen, mehr Bewerbungen usw. schreiben) umgedeutet, gelöst wird das Problem dadurch nicht, aber die Politik kann “handeln”…

  2. Kelloggs sagt:

    Diese monokausale Betrachtungsweise macht sich einfach viel besser bei den populärpopulistischen Diskussionen am Stammtisch. Und dort sitzt nunmal eine für die eher konservativen Parteien wichtige Zielgruppe.

    Irgendwie werde ich manchmal den furchtbaren Gedanken nicht los, dass die politischen Akteure es dem Grunde nach sogar besser wissen, aber sich zum Zwecke der Polarisation und der damit verbundenen Wählerbindung zu solchen Phrasen hinreisen lassen.

  3. JC sagt:

    Die Konsequenz aus der Mediendemokratie. Möchte man meinen. Aber auch das ist natürlich nur eine stark verkürzte Darstellung.

    Und dabei haben wir heute ganz eine vielzahl an Instrumenten zur politischen Kommunikation und Partizipation. Trotzdem scheint sich der gemeine Politiker immernoch auf eine Botschaft konzentrieren zu müssen, die “nachher” in eine einzige Schlagzeile passt.

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