Hype “VoIP”
VoIP? Achso. “Voice over IP” – Sprache über das Internet-Protokoll bzw. Internet-Telefonie. Das ist angeblich gut und billig. Ideal also für unsere “Geiz ist geil!”-Gesellschaft. Und deswegen wird es gerade ge-hyped – zu Deutsch: aufgebauscht, künstlich stimuliert.
Auch ohne BWL studiert zu haben, sollte man wissen: kein Unternehmen hat etwas zu verschenken. Auch nicht, wenn es mit kostenlosen Gesprächen oder gesponsorter Hardware lockt. Am Ende zahlt immer der Kunde. Mit VoIP sehen die Internet-Provider eine Chance, vom Kuchen der klassischen Telefongesellschaften ein Stück abzuschneiden und deswegen wäre es schön, wenn wir alle unsere Hardware erweitern würden, um über das Internet zu telefonieren. Was in der Wirtschaft schon erfolgreich eingesetzt wird, kann für den Privatanwender ja nicht falsch sein – oder?
Der fundamentale unterschied zwischen klassischem Telefon und VoIP steckt schon im Namen: bei der Internet-Telefonie wird das Gespräch über ein offenes Netz transportiert, beim klassischen Telefon über ein geschlossenes. Ein Unternehmen wird seine vorhandenen, geschlossenen Netzstrukturen nutzen, um kostengünstig seine Standorte zu verbinden. Max Meier und Lieschen Müller brauchen das eher nicht. Und wenn die beiden über das Internet telefonieren, sollten sie sich dessen bewusst sein, dass das Gespräch nicht so sicher ist, wie wenn sie das normale Telefon bemühen würden.
Neben der Abhörsicherheit ist auch interessant, welche SPAM-Tricks zweifelhafte Unternehmen erdenken werden. Viel spannender ist die Frage, mit welchen Internet-Attacken Script-Kiddies versuchen werden, sich zu “profilieren“.
VoIP ist erst dann interessant, wenn die Anschaffung der Geräte durch Einsparungen der Kosten gerechtfertigt ist. Diese Kosten, das sind für Privatanwender die reinen Gesprächskosten. Will der Anwender ständig erreichbar sein, muss er in die Tasche greifen: Soll der Computer nicht 24 Stunden am Tag laufen (auch Strom verursacht Kosten), muss ein VoIP-Router oder -Adapter angeschafft werden, um ein vorhandenes Telefon anschließen zu können. Alternativ natürlich ein VoIP-Telefon. Dazu bekommt man dann eine normale Telefonnummer, über die man auch aus dem normalen Telefonnetz erreicht werden kann – zudem ist man für Teilnehmer aus dem gleichen Netz in der Regel kostenlos über das Internet “antelefonierbar”.
Hier wird es spannend: der Markt für private Internet-Telefonie ist erst am Entstehen. Neue und alte Anbieter treten am Markt auf, kämpfen um die Gunst der Kunden – wer will da schon wissen, ob er sich an den richtigen Anbieter bindet? Wie groß ist das Risiko dann gerade bei Providern, die als Rechnungsmodell nur Leistung gegen Vorkasse anbieten? Hier sollte man schon genau rechnen – und dabei auch Sparvorwahlen und Tarifoptionen der klassischen Telefonanbieter in die Kalkulation einbeziehen.
Derzeit ist VoIP für Normalanwender jedenfalls nur bedingt interessant. Wer sozusagen einen erweiterten Messenger will, kann sich z. B. mit Skype vollkommen zufrieden geben. Da kann man dann wunderbar, kostenlos und ohne Hardware-Ausgaben gelegentlich Belanglosigkeiten mit Freunden austauschen und bei allen anderen, wichtigeren, Gesprächen mit Sparvorwahlen oder Tarifmodellen auskommen – insbesondere, weil DSL-Flatrate und ISDN-Anschluss in der Regel (noch) gekoppelt sind.
Noch ist VoIP eher ein Spielzeug für die Jungs, die immer das neueste Spielzeug brauchten und jedem neuen Trend sklavisch folgen mussten. Wenn sich der Markt dann eines Tages eingerichtet hat, Standards sich durchgesetzt haben und auch die Sicherheitsfragen geklärt wurden, dann kann Otto Normalverbraucher sich langsam überlegen, ob diese Technik für ihn interessant ist.
15.06.2005
Nach den derzeitgen Erfahrungen in meinem Freundeskreis, sehe ich mich darin bestärkt, mit VOiP noch abzuwarten. Bis es ausgereifter ist und sich bei den Anbietern die Spreu vom Weizen getrennt hat.
Es mag rechnerisch vernünftig sein, nur noch eine DSL-Flatrate zu haben und darüber auch telefonisch erreichbar zu sein, aber wenn das Netz häufiger zusammenbricht und Anrufer das Besetzt-Zeichen hören, anstatt wenigstens auf dem Anrufbeantworter zu landen, dann ist das irgendwie suboptimal und man wünscht sich das konventionelle Festnetz zurück.
Am Rande erwähnt sei noch, dass sich der VOiP-Kunde durchaus auf langwierige Installationsorgien einrichten darf. Im Idealfall geht die Einrichtung des Anschlusses zuhause beim Anwender natürlich fast so einfach und schnell wie im Festnetz, aber wehe wenn nicht… Dann beginnt die Fehlersuche in den Konfigurationen und das kann – auch bei Menschen mit gutem technischen Wissen – durchaus Stunden bis Tage dauern.
4.08.2005



