Association des Originaires de Grand-Plaine

1992 gegründet, vermittelt die AOG den Menschen das Bewusstsein ihrer eigenen Fähigkeiten und führt zum verantwortungsvollen Miteinander bei Gemeinschaftsprojekten

Das folgende Gespräch mit GASTON JEAN fand am 31. Oktober 2014 bei seinem Kurzbesuch in Deutschland statt. GASTON JEAN arbeitet seit etwas über einem Jahr an einer wissenschaftlichen Arbeit über die Sanierung und Renaturierung des Landschaftsraumes von Grand-Plaine und Gros Morne mit dem Schwerpunkt Hygiene durch umweltgerechte Beseitigung bzw. Kompostierung von organischen Abfällen. Die ingenieurwissenschaftliche, handlungsorientierte Arbeit wird von Prof. Rémi BAYARD, Universität Lyon und Prof. J. LACOUR Universität Quisqueya, Port-au-Prince, betreut und führt ihn zwei Mal im Jahr für einige Wochen nach Lyon im Rahmen seines Stipendiums.

Wir haben die Gelegenheit genutzt, um ihm einige Fragen zur aktuellen Situation und der Arbeit der AOG zu stellen:

 

Fast 5 Jahre nach der Erdbebenkatastrophe haben andere Themen HAITI aus den Schlagzeilen verdrängt. Trotz der in New York zugesagten Hilfe von mehreren Milliarden Dollar liegen noch viele Stadtteile in der Hauptstadt in Trümmern; zahllose Hilfsorganisationen versorgen die Bevölkerung mit Lebensmitteln und medizinischer Hilfe – ein Großteil der Menschen hängt am Tropf von CARE, WFP und WHO, vor allem einheimische, aber auch ausländische Gremien sind durchsetzt von korrupten Sachbearbeitern und Politikern, die riesige Summen in ihre eigenen Taschen stecken, allen voran der Präsident MATELLY, der dieser Tage der Bundeskanzlerin seine Aufwartung machte und seine Unwahrheiten und Späße zum besten gab. Ist HAITI das, was die Amerikaner a failed state nennen?

GASTON JEAN: Die Katastrophe traf ein Land, das schon vorher von absoluter Armut gekennzeichnet war. 80% der Bevölkerung lebte praktisch von der Hand in den Mund und hatte weniger als zwei Dollar pro Tag zum Leben. Daher war es fast unmöglich, Hilfsmaßnahmen für die vom Erdbeben Betroffenen in HAITI selbst zu starten. Die aus einheimischen und ausländischen Mitgliedern bestehende CLINTON-KOMMISSION (commission intérimaire pour la reconstruction d’Haiti) gibt Gelder an private Investoren, die es zum Teil zweckentfremdet – etwa für den Bau von Hotels – verwendet haben. Korrumpierer und Korrumpierte sind nicht nur Haitianer, sondern auch Ausländer. Um die Korruption zu bekämpfen, hat HAITI zwei Organisationen gegründet, die aber selbst wieder korrumpierte Mitglieder in ihren Reihen haben und deshalb weitgehend ineffizient sind (UCREF, CSPJ).

Aber es gibt Strukturen, die die Situation in HAITI ändern können. Es gibt eine wachsende Schicht von Aktivisten vor allem in der jungen Generation, die – zum Teil mit Auslandserfahrungen – aktiv sind, so etwa in der AOG. Sie arbeiten dort mit großem Engagement. Aber es braucht viel Zeit. Es besteht ein Netz von nicht korrupten Organisationen im ganzen Land, die vor allem mit der Soros-Stiftung FOKAL zusammenarbeiten. Man kann von einem verbreiteten Willen des Volkes sprechen, das eigene Schicksal selbst zu bestimmen.

 

Die ASSOCIATION DES ORIGINAIRES DE GRAND-PLAINE (AOG) besteht seit 1992. Auf welchen Prinzipien beruht sie und nach welchen Grundsätzen hat sie ihre Projekte durchgeführt?

GASTON JEAN: HAITI hat im Laufe der Geschichte nur diktatorische, rassistische und ungerechte Regimes kennengelernt. Daraus resultierte ein starkes Minderwertigkeitsgefühl der Landbevölkerung und die Einstellung, die Verhältnisse als naturgegeben und unveränderbar zu betrachten.

Die AOG sucht diese Einstellung durch das solidarische, jeden Einzelnen respektierendes Mitwirken an den Projekten aus dieser Lethargie herauszuführen. Die AOG ist nicht auf ausländische Initiative, sondern aus der Bevölkerung Haitis selbst entstanden. Es ist ihr so gelungen, den Menschen mehr und mehr das Bewußtsein ihrer eigenen Fähigkeiten zu vermitteln und zu einem verantwortungsvollen Miteinander bei allen Gemeinschaftsprojekten zu führen. Die AOG ist nichts weniger als die Keimzelle eines demokratischen Bewußtseins – ein Novum in HAITI. Daß dies alles andere als eine idealistische, versponnene Vorstellung ist, zeigt der enorme Erfolg der Organisation seit ihrer Gründung im Jahre 1992.

Die Menschen identifizieren sich mit der AOG – die AOG sind sie selbst.

 

Wie sichert die AOG ihre fachliche Kompetenz und die transparente, korruptionsfreie Verwendung der finanziellen Mittel?

GASTON JEAN: Alle Gelder laufen nur über Bankkonten. Es gibt 3 Zeichnungsberechtigte, von denen mindestens zwei Unterschriften zur Abhebung von Beträgen erforderlich sind. Für jedes Projekt wird eine sog. Commission de gestion gegründet, die die Rechnungen bezahlt und anschließend einen Finanzbericht erstellt. Die Mitglieder dieser Kommission werden von der Generalversammlung berufen. Eine von der AOG unabhängige Prüfungskommission aus einem anderen Teil HAITIS prüft und garantiert die Richtigkeit der Ausgaben. Die AOG beruft Fachleute von außerhalb (z. B. Techniker, Ingenieure, Veterinärmediziner usw.), um ihre Planungskompetenzsicherzustellen. Diese werden besoldet, wie auch z. B. Lehrer. Die Arbeit der Mitglieder der AOG hingegen erfolgt grundsätzlich ehrenamtlich.

 

Welche Projekte sind bereits durchgeführt worden und welche sind jetzt in Arbeit bzw in Planung?

GASTON JEAN: Straßenbau, Aufforstung und Erziehung der Schüler zu umweltgerechtem Verhalten finden durchgängig statt. Durchgeführt wurde der Bau bzw. der Wiederaufbau von Schulen (mit Geldern der Haiti-Hilfe Falkenstein), die Fortbildung von Fachkräften ( auch hier durch Eure Organisation). Besonders zu nennen ist das projet mixte, das HAITI-HILFE FALKENSTEIN in Zusammenarbeit mit der deutschen staatlichen Behörde finanziert hat. Durch diese Maßnahmen sind die Lebensbedingungen der Menschen in der Region inzwischen stark verbessert und die Abwanderung nach Port-au-Prince deutlich verringert worden.

In diesem Jahr hat die Haiti-Hilfe Falkenstein – unser wichtigster Partner – die Ausbildung von 25 Köhlern anlaufen lassen, um den Raubbau des illegalen Holzeinschlags zu beenden. Es wird noch zweieinhalb bis 3 Jahre dauern, bis die Kohlenmeiler beschickt werden können.

Die Aktivitäten der AOG werden immer vielfältiger und umfangreicher; sie erfordern immer mehr Sachwissen. Deshalb hat die letzte Generalversammlung den Bau eines Fortbildungszentrums beschlossen, in dem Lehrer, Bauern, Vieh- und Geflügelzüchter, aber auch Eltern und Schüler in ein- oder mehrtätigen Kursen fortgebildet werden. Da die Nutzer der Zentrums oft weite Wege zurücklegen müssen, benötigt man auch eine Art Gästehaus. Die Finanzierung erfolgt durch Geld- und Sachspenden, vor allem der im Ausland lebenden Haitianer Die Mitglieder steuern erstellen die Gebäude selbst, ohne fremde Unterstützung.

Für das bedeutende Projekt "Aufbau einer Rinderzucht und einer Milchwirtschaft" sind die Planungen fast abgeschlossen. Wir hoffen, dass wir für die Haiti-Hilfe Falkenstein überzeugend darlegen können, wie die Kühlkette von der Kuh bis zur Molkerei von uns garantiert wird.